Wolfgang Wessig, Görlitz (1939 – 2017)

„HERKUNFT AUS DER PERIPHERIE“

HILDE MIRJAM ROSENTHAL, GÖRLITZ

Wiedergabe eines Aufsatzes aus dem Band: „Gute Meister Zweiten Ranges, Gesammelte Auf­sätze, Manuskripte und Briefe von Wolfgang Wessig“, Verlag Gunter Oettel, Görlitz 2020; mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Es trifft wohl zu, dass ein Schriftsteller geprägt wird durch Verluste, wie Günter Grass unlängst in einem Interview bemerkte. Schmerzliche Verluste, ein Leben voller Brüche, bestimmten gewiss auch die Biographie der Mira Lobe.

„Einen ‚schweren Lebensweg’ wie sie vermuten, habe ich nicht gehabt: keine Verfolgung, Verhaftung oder KZ", schreibt sie mir ganz zu Beginn eines Briefwechsels, der vom Juli 1991 bis zum September 1992 andauerte.

Den Verlust der Heimat erwähnt sie nicht und nicht das Ende jener deutsch-jüdischen Symbiose", die es vielleicht nie gab. Aber es gab fraglos eine „echte und gewachsene Verbundenheit mit Erde und Kultur“ zwischen der deutschen Judenheit und ihrem „Wirtsvolk".

Zwei Arten von Begegnungen gebe es, schrieb Martin Buber, „entweder sind die beiden einander negativ-fremd, sie wirken nicht aufeinander, sie gehen keine Verbindung miteinander ein, sie bleiben hart nebeneinander, bis das physisch schwächere untergeht; oder sie sind einander positiv-fremd, in all ihrer Fremdheit sind sie in ihrem Wesen aufeinander angelegt, auf­einander gerichtet, aufeinander gewiesen, gemeinsamer Bereich taucht auf, in dem fruchtbarer Kontakt zwischen ihnen erfolgt, ein kulturelles Werk erwächst, das ohne diese Begegnung ungeschaffen geblieben wäre." 1

Eine „fruchtbare Begegnung", die durch einen „Eingriff des Wirtsvolkes oder richtiger des Wirtsstaates“ beendet wurde. Sie scheiterte, weil die Idee der Emanzipation als einer notwendigen Aufwärtsbewegung der Menschheit einseitig aufgekündigt, abgelehnt, geleugnet, verneint wurde - und das nicht erst 1933.

1923 schrieb der Görlitzer Rechtsanwalt und Dichter Paul Mühsam seine dramatische Dichtung Der ewige Jude. Ahasver verteidigt sich gegen eine aufgeputschte Meute, die dem Juden die Schuld am verlorenen Krieg gibt:

Mira Lobe - späte 1960er, frühe 1970er

Dass sie gewillt auch nur, sie zu erkennen,
Fast zweifle ich. Nun treibt mich, mich zu trennen
Von diesem Volk, die äußerste Bedrängnis.
Ich klage dich nicht an - ich wein’ um dich.

Auch hier ward Missverstehen zum Verhängnis.
Ich klag’ nicht an. Voll Trauer wend’ ich mich
Von dir, mein Land, vom Fächer deiner Felder,
Von trauten Tälern und besonnten Höhn
Und von der kühlen Herbheit deiner Wälder.

Mira wird diesen Text gut gekannt haben. Beide Familien waren eng befreundet. In Erinnerungen des Dichters, die 1959 in Jerusalem erschienen, schaut er auf seinen Görlitzer Freundeskreis zurück: „Zu unserem engeren Umgang gehörte als vertrautestes Mitglied Irmas beste Freundin, Frau Elsa Rosenthal, eine schwärmerisch allem Schönen und Hohen ergebene, in der Ehe mit einem Mann, dem es ebenfalls an Idealen nicht fehlte, der aber von ganz anderer Wesensart war, sich unbefriedigt fühlende, mit abgöttischer Liebe und Bewunderung zu Irma aufblickende Frau von seltenem Einfühlungsvermögen, die auch meine literarische Laufbahn mit regstem Interesse verfolgte, über alles, was unsere engere und weitere Familie betraf, besser orientiert war als ich und sich in Irmas Blusen, Knöpfen, Häkchen und Schnallen ebenso auskannte wie in meiner Poesie und Prosa".3

Lotte Mühsam, ein Jahr älter als Mira, war deren enge Freundin. Ihr schenkte sie ein Liederbuch, selbst hergestellt, die Liedtexte von Hand geschrieben - teilweise mit kleinen Zeichnungen versehen. Ein anrührendes Dokument, das mir Lottes Schwester, Else Levi-Mühsam überließ. Auf der zweiten Umschlagseite ein winziges Bildchen, das Horra tanzende Chaluzim zeigt, von Mira signiert, und sodann in Folge über zwanzig deutsche Volkslieder. Eingeleitet durch „Abschied“: „Ach wie ist’s möglich dann, dass ich dich lassen kann ..." Trauer über den Verlust der Heimat, aber auch Rebellion gegen den Verlust, mit dem trutzigen: „Geschlagen ziehen wir nach Haus, unsre Enkel fechtens besser aus".

Fred Wander schrieb in seiner Erzählung Der siebente Brunnen: „O Schicksal der Juden: Sie, die Weitgewanderten, hängen, wenn sie sesshaft werden, mit verzweifelter Liebe an dem Stück Boden. Wenn sie gewaltsam oder auch durch eigenes Verschulden ihre Heimat verlieren, tragen sie die Sehnsucht nach einem Fleck Erde untröstlich mit sich herum. Die überall Fremden haben einen ausgeprägten Sinn für das tief Verwurzelte. An jedem Fenster, jeder Pforte spüren sie wehmütig den vertrauten Duft eines Stückchens Heimat, auch wenn es die Heimat der anderen ist!"4

Für Mirjam Rosenthal war es der Verlust ihrer Heimatstadt, in der Schlüsselerlebnisse und prägende Erinnerungen zu Schreibanlässen wurden.

In die Städtebilder vom „Alten Reich" nahm Ricarda Huch Görlitz auf. Sie nennt den großen Baumeister Wendel Roskopf. Er gab Görlitz das Gepräge der ersten Renaissancestadt Deutschlands und „schuf in dem neuen Stil stattliche und harmonische Gebäude, die trotz ihres italienischen Charakters, sich zu gotisch aneinander gedrängten, voll ausgefüllter malerischen Gruppen zusammenfügen. Wenn die glückliche Anlage der beiden Märkte das Bild der Stadt im Allgemeinen bestimmt, so ist das Rathaus am Untermarkt ihr Herz, ihr Kleinod und Wahrzeichen."5 Hier am Untermarkt erwarb Jakob Böhme eine Schuhbank zum Verkauf seiner Produkte, als er sich 1599 in Görlitz niederließ. Und noch heute zeigt sich die mittelalterliche Stadt so, wie der Visionär und Mythenschöpfer sie erlebte. Der Schuster von Görlitz, der „als erster in der Geschichte des neuzeitlichen Denkens die Entdeckung [machte]... es könne alles sich nur durch ein anderes, durch den Gegenwurf' offenbaren",6 wurde zur bedeutendsten Persönlichkeit der Stadt - ein Görlitz-Lobbyist sozusagen, der die Interessen seiner Vaterstadt im Sinne des Weltruhmes vertritt, wie ein anderer Görlitzer respektvoll anmerkt: der unvergessene Kabarettist Werner Finck.

Stationen auf den Spuren Böhmes könnten sein: die mittelalterliche Stadtkulisse in ihrer Ganzheit; der Gedenkstein auf dem Nikolaifriedhof - einem der schönsten Bergfriedhöfe Deutschlands -; das Wohnhaus, in dem erste Gedanken zur Aurora ihn bewegen (unmittelbar an der Neiße im Ostteil der Stadt, der heute Zgorzelec heißt, gelegen); aber auch der Böhme- Bestand einer historischen Wissenschaftsbibliothek, deren Geschichte eng verbunden ist mit dem Wirken der 1779 von Karl Gottlob von Anton, dem Stammvater des deutschen Zweiges der Slawistik, gegründeten Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Arno Schmidt, der in Görlitz die Oberrealschule besuchte, nannte die Lausitzen - eine Kleinlandschaft, die im Aufklärungszeitalter zu Weltwirkung kam - einen „Präzedenzfall" insofern, als hier „echte große Toleranz vorgelebt wurde, in jeder Beziehung“.7

„An Görlitz habe ich, wie kann es anders sein, etwas gemischte Erinnerungen und Assoziationen. Ich habe 33 maturiert (ach so, Abitur gemacht heißt das ja), kurz nach der 'Machtübernahme', und sehr schnell begriffen, dass ich in Deutschland nicht bleiben will, kann, werde ..." Aber die Erinnerungen blieben.

An die Neiße, in die sie ihren ersten und einzigen Sprung vom 2-Meter-Brett machte, um sich zu beweisen, dass sie es könnte. „Von den Liegewiesen der Badeanstalt geriet man in schilfige Uferlandschaft, wo es sich zur Quakmusik kleiner bräunlicher Frösche träumen ließ. Träumen war, glaube ich, meine Hauptbeschäftigung Tag und Nacht ..."8

Und wenn es schneite in Wien: die Erinnerung an den Görlitzer Stadtpark im tiefen Schnee. „Und an das weiße Käppchen, das der Demiani aufhatte, wenn ich morgens über den Demianiplatz in die Schule raste."

Und immer wieder auch Gedanken an das großelterliche Haus Peterstraße 4, „das schon in meiner Kinderzeit als halbe Sehenswürdigkeit galt und unterdessen Scultetus-Hof heißt und in den Kunstführern der Altstadt Görlitz überall erwähnt ist. Meine Großmutter wohnte dort und wir rannten als Kinder auf der Altane herum. - Meine (total erwachsenen Kinder) bekommen so einen neugierig-sehnsüchtigen Glanz in den Augen, wenn sie die Fotos sehen- und ich ein bissl was erzähle“, schrieb sie mir und berichtete wenig später stolz von den zwei Görlitz-Büchern, die sie noch besaß: Ernst-Heinz Lempers Monographie und einen Bildband von Walter Wolff aus dem Jahre 1959.

Mira Lobe - 1980er Jahre © Fred Prager
Mira Lobe bei einer Vorlesung mit Kindern, in den 1980ern © Josef Hechenegger

Da waren die Träume, und da waren auch Ängste. Der Tod des Vaters, als sie 14 Jahre alt war - Angst ist Reaktion auf einen Verlust, eine Trennung. Angst vor den unkontrollierbaren Mächten in der eigenen Brust verweist auch auf Furcht vor einer äußeren Situation.

In einer Erinnerungsgeschichte - Mira Lobe nannte sie Der Turridu und versicherte, sie habe sich ganz ähnlich in Görlitz zugetragen - erzählt sie, wie ein großer Junge der kleinen Mirjam Angst vor dem Zauberer Turridu macht, der dann erscheinen werde, wenn sie nicht hergäbe was er verlange: ihre Glaskugeln. Zwar wusste Mirjam, dass es keine Zauberer und keine Hexen gäbe, aber sie fürchtete sich vor dem Turridu. „Es war nicht schwer mir Angst zu machen Ich fürchtete mich vor allem: vor Blitz und Donner, vor großen Hunden, vor der alten Frau im Nachbarhaus und ganz besonders vor fremden Jungen, die über die Mauer kommen“, heißt es in der Geschichte.

Als Schlüsselerlebnis für die künftige Schriftstellerin gilt eine Episode, die später in einer kurzen Erzählung ihren Niederschlag fand. Mira Lobe wollte mir die „Luzie-Geschichte" schicken, fand sie aber nicht und schrieb dies auf: „Was die Luzie-Geschichte betrifft: mir scheint, die habe ich nicht mehr. Da ging ich in die Volksschule (Elisabethplatz), war 8 oder 9, ein ‚besseres Bürgerkind', hatte meinen Platz hinten in der Fensterreihe, wo die ‚Guten' saßen. Luzie Oschee (der französische Name muss aus der Hugenottenzeit stammen), saß ganz vorn in der Türreihe und war die ‚Schlechteste'. Uns grauste ein bisschen vor ihr, sie war ein Schmuddelkind, verwahrlost, roch schlecht, hatte vielleicht auch Läuse. - Eines Tages schulärztliche Untersuchung. Ab diesem Tag kam Luzie nicht mehr in die Schule. Die Lehrerin fragte, wer von uns in ihre Wohnung gehen und nachfragen wollte. Keine meldete sich. Ich erzählte mittags zuhause davon. Mein Vater sagte: Du gehst! Meine Mutter zögerte, ich sträubte mich. Mein Vater blieb dabei: Du gehst! Mit einer Tafel Schokolade bewaffnet ging ich also in die Altstadt, in ein düsteres, riesiges altes Haus mit mehreren Höfen und Aufgängen, einem finsteren, muffigen Wendeltreppenhaus, in dem es nach Kohl und Abtritt stank. Im oberen Stock eine Holztür mit zahlreichen Pappschildern, eines davon auf Oschee lautend. Viermal läuten. - Die Luzie war nicht mehr da, man hatte sie in eine Lungenheilstätte gebracht. Ihr Bruder ließ sich die Schokolade geben und ich tastete die finstere Treppe, mit der Eisenstange als Geländer, wieder hinunter in den sonnigen Hof, wo mich die Kinder aus dem Haus feindselig anstarrten.

„Damals ging mir Verschiedenes auf und ich glaube das Erlebnis war irgendwie die Erwachensstunde meines sozialen Gewissens. Was natürlich ein viel zu pompöses Wort für mein Mich-elend-und-schuldig-fühlen ist.“

Soziale Genauigkeit, tiefe Betroffenheit dem Leid Anderer gegenüber, der unbezähmbare Wunsch, Hilfe zu geben oder - um mit Luise Rinser zu sprechen - der „unausrottbare Hang für Minderheiten einzutreten", wurden zu Markenzeichen der Kinder- und Jugendbuchautorin Mira Lobe. „Minderheiten", das waren für sie die Außenseiter, die Unangepassten, die Ausgestoßenen, Zurückgesetzten, Unsicheren. Wohl auch weil die deutsche Jüdin Mirjam Rosenthal, Anfang der dreißiger Jahre im „Wirtsland“ Deutschland, Erfahrungen dieser Art hatte machen müssen.

Lotte Mühsam hat ein kleines Gedicht Mirjams vom Mai 1930 aufgeschrieben und uns damit erhalten. „Mira war so frei, so spontan, dass hatte sie von ihrem Vater... Dies kleine Gedicht ist ganz Mira!“, schrieb mir Else Levi-Mühsam.

Kleines Gedicht
Mira Mai 1930

Wenn man noch jung ist
und es ist Mai.
Wenn man Dunkles vergisst
und das Helle wird frei
und das Helle ist wach
und man glaubt sich so gut
und man denkt drüber nach
wenn des Nachts alles ruht:
Dann fühlt man im Herzen
wie einsam man geht,
in größten Schmerzen
keinen versteht.
Dass, was wir auch sagen
uns selber nur gilt
alleine ertragen
was uns erfüllt.
In dieser Erkenntnis
geht Helles verloren
Aus Finsternis wird
ein Neues geboren.
Keiner vermisst
die Erkenntnis im Mai -
Wenn man noch jung ist
weint man dabei.

Eine gleichermaßen prägende Episode aus ihrer Gymnasialzeit - Mira war die einzige Jüdin nicht nur in ihrer Klasse, sondern im gesamten Jahrgang mit drei Parallelklassen – hat Wolf Harranth aufgezeichnet. Die heftige Auseinandersetzung zwischen dem Deutschprofessor und der Gymnasiastin über einen Heine-Vortrag ist Abbild des damaligen Zeitgeistes und konnte für Mira nur die Entscheidung zulassen, nicht mehr in Deutschland bleiben zu wollen.

Eine ganz ähnliche Geschichte, die auch für den jüdischen Arzt und Autor Hans Keilson zu einem Schlüsselerlebnis wurde, beschreibt dieser in einem Essay. Ein Kurzvortrag über eines der schönsten deutschen Revolutionsgedichte, Heines Die Weber, in der Unterprima gehalten- ließ den Vortragenden für zwei Jahre in „Klassenschiß" geraten, wegen „Nestbeschmutzung“. 9

Zu Beginn meines Briefwechsels mit Mira Lobe stellte ich mich vor als Leiter einer Wissenschaftlichen Arbeitsstelle beim Kulturamt Görlitz, befasst unter anderem mit dem Nachlass; des Görlitzer Kupferstechers und Schriftstellers Johannes Wüsten, der vom Volksgerichtshof zu fünfzehn Jahren Zuchthaus wegen „Vorbereitung zum Hochverrat" verurteilt, 1943 – vor 70 Jahren - im Zuchthauslazarett Brandenburg-Görden an offener Tuberkulose verstarb.

„Alles, was bissl akademisch daherkommt, imponiert mir halt. Ach - und dass sie den Nachlass von Johannes Wüsten betreuen! Kahle 7 war, glaube ich, sein Atelier, in dem ich ab und zu. einmal war." Und dann erinnerte sie in mehreren Briefen kulturelle Ereignisse und Personen aus ihren zwanzig Görlitzer Jahren. Aufschlussreiche Einblicke in die wache und überaus interessierte Aufnahme der progressiven kulturellen Szene jener Jahre durch eine junge jüdische Frau. Sie bewunderte Wüsten. „Ich erinnere mich dunkel an einige, wenige Bilder und natürlich deutlich an ihn selbst, seine seltsam-zurückgenommene, ironische Art. Er war ein großer Könner, nicht wahr? Er lebte, soweit ich mich erinnere, eher zurückgezogen, war ein Linker von seiner Arbeit Besessener."

Jahre später lernte Mira in Wien Dr. Lotte Schwarz kennen, Journalistin, Übersetzerin, 1902 in einer jüdischen Prager Familie geboren. Sie lernte Wüsten im Prager Exil kennen, er verliebte sich in sie und beide gingen im Juli 1938 nach Paris. Lotte Schwarz war die Stieftochter des österreichischen sozialistischen Publizisten und Diplomaten Otto Pohl, der 1922 zum ersten bevollmächtigten Gesandten Österreichs in Moskau ernannt wurde, enge Kontakte zu den wichtigsten Vertretern der sowjetischen Regierung und führenden Vertretern der Komintern knüpfte und 1929 mit seiner Stieftochter die deutschsprachige Moskauer Rundschau gründete. Angesichts der beginnenden stalinistischen Säuberungen kehrte Lotte Schwarz 1936 mit ihrer kleinen Tochter Anjuta zurück nach Prag. Ihr Stiefvater schied gemeinsam mit seiner Frau auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung, in Südfrankreich 1941 aus dem Leben.

Nach dem Krieg arbeitete Lotte Schwarz in Paris zunächst mit jüdischen Kindern, die ihre Eltern verloren hatten, oder selbst aus Konzentrationslagern kamen. Die Arbeit als Erzieherin blieb von nun an ihr Lebensinhalt. Mira erinnerte sich an sie: „Irgendjemand hatte ihr meine Telefonnummer gegeben. Sie suchte Kinderbücher zum Übersetzen und dramatisieren für ihre französischen Arbeiterkinder, mit denen sie regelmäßig in einem proletarischen Bezirk in Paris arbeitete; sie bestellte mich ins Cafe Central, ich wollte wissen, wie wir uns erkennen könnten, sie lachte: 'Das wird schon funktionieren!' und das tat es auch: kaum kam ich durch die Tür, hob sie an ihrem Tisch die Hand und als ich hinging sagte sie: 'Das war nicht schwer!' Als ich Minuten später, nach der Herkunft gefragt, ‚Görlitz’ sagte, kam bei ihr sofort: ‚Dann kannten sie Johannes Wüsten!’ und dann kam ein kurzer, mit Gram und Schuldgefühl erfüllter Bericht, dass sie ihn - er war damals schon schwer krank, wahrscheinlich sterbenskrank (Tuberkulose, nicht wahr?) - bei der Wahl, ihre junge Tochter zu retten oder bei ihm zu bleiben, sich natürlich für ihr Kind entschied. Ich habe sie dann später in Paris besucht, wohnte bei ihr und las bei dieser Gelegenheit eine großartige Novelle oder so was ähnliches über einen Maler- oder Graphiker Kollegen, die Johannes Wüsten geschrieben hatte. Es gab nur dieses eine Exemplar. Wissen sie, wie es heißt und wer es gedruckt hat?"

Ich antwortete ihr, dass jene Maler-Novelle, die sie in Paris las, vermutlich einem Zyklus von fünfzehn Geschichten entstammte, die unter dem Titel Das Leben einer Buhlerin 1951 im Berliner Henschel-Verlag von Dorothea Wüsten-Koeppen, Ehefrau Wüstens - die Mira auch in Görlitz kennen gelernt hatte - herausgegeben wurde.

In ihrem Görlitzer Zimmer hing lange ein Kupferstich Wüstens Otto Burger als Stanhope. So wie sie Wüsten bewunderte, schwärmte sie für den Schauspieler Burger. „In diesen Otto Burger war ich ernstlich verschossen und ganz außer mir, als sein Engagement nicht verlängert wurde.“

Burger war von 1928 bis 1930 Oberregisseur des Schauspiels und erster Charakterdarsteller am Stadttheater Görlitz. In der Rolle des Stanhope im von ihm inszenierten Antikriegsstück Die andere Seite (Journey’s End) von Robert Cedric Sherriff porträtierte ihn Wüsten, übersandte seinen Stich dem englischen Autor, der sich artig bedankte und dieses „jüngste Andenken“ seines Werkes, „als einen der höchst erfreulichen Ausdrücke" betrachtete, die ihm aus Deutschland zugekommen seien. Die lokale konservative Presse reagierte überaus gereizt auf Burgers Inszenierung, Politik gehöre nicht ins Theater. „Wir sehen den Krieg nicht als ein Verbrechen an, sondern als etwas im Leben der Völker Unvermeidbares". Als nur einen reichlichen Monat später, wieder unter Burgers Regie, Brechts Dreigroschenoper Premiere hatte - Burger als Peachum - wandten sich die Görlitzer Pharisäer und Kaffeetanten mit Grausen ab und verließen entrüstet das Theater.

Wen wundert es, dass die Intendanz Burgers Vertrag nicht verlängerte. Sehr zum Ärger von Mirjam Rosenthal, die, als Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterjugend, nicht nur den Verlust eines Jugendschwarms beklagte, vielmehr mit Entrüstung den Sieg der überwiegend konservativen Bürgerschaft schmerzhaft erleben musste. Die politische Situation im Lande spitzte sich zu, die „Entartung" des Vaterlandes schritt voran.

In der Literarischen Gesellschaft e. V., deren Mitglied Miras Mutter lange Jahre war, sprach Ludwig Kunz, Kulturjournalist, noch im Oktober 1932 über „Junge Schlesische Dichtung“. Mira erinnerte sich an ihn. Im Mai 1933 sieht sich der Jude Kunz gezwungen, aus dem Verwaltungsrat der Gesellschaft, der er seit den zwanziger Jahren angehörte, auszuscheiden. Studienrat Ferdinand Günther teilte dem „sehr geehrten, lieben Herrn Kunz" verständnisvoll mit, er könne ihn wohl „unter den heutigen Verhältnissen“ nicht bitten, seinen Entschluss rückgängig zu machen und beendete sein Dankschreiben für geleistete Dienste mit dem eher zynisch klingenden Wunsche: „Möge es ihnen, lieber Herr Kunz auch weiterhin vergönnt sein zum Wohle unseres Vaterlandes an kulturellen Aufgaben mittätig zu sein.“

Kunz ging 1938 ins Exil nach Amsterdam, überlebte Krieg und Besatzung in Versteckquartieren und starb 1976 als niederländischer Staatsbürger, ohne seine Heimatstadt noch einmal  wiedergesehen zu haben.

Im November 1932 las Paul Mühsam im Rahmen der Literarischen Gesellschaft seine Übersetzung von Apuleius Psyche und Eros im überfüllten Festsaal des Gymnasiums, „unter andächtiger Spannung des Publikums und mit großem herzlichem Beifall“, wie er in seinem Tagebuch bemerkt.

Am 29. März 1933 - nur vier Monate später - notiert er: „Besetzung des Gerichtsgebäudes, Abführung der nichtarischen Richter und Rechtsanwälte, die grade auf dem Gericht waren …

¾ 1 ich und Dr. Kunz im Büro verhaftet. Zuerst Dr. Kunz nach dem braunen Haus geführt. Dann ich, nach der Durchsuchung auf Waffen durch ein S.A. Kommando von 3 Mann von diesen und noch mehreren auf der Straße wartenden S.A. Leuten eskortiert, zum Anwaltszimmer, wo ich R.A. C. und Zahnarzt Dr. W. vorfand ... ¼ 3 Uhr Abführung. Unten stand bereits eine Anzahl weiterer Gefangener. Zug im Gänsemarsch, jeder zwischen 2 bewaffneten S.A. Leuten durch die Stadt zwischen johlenden Menschen hindurch nach dem Rathaus … Dort hatte sich eine besonders große Zahl von Nazis am Eingang versammelt, und jeder gab, bevor wir einmarschierten, rasch sein eingelerntes Stichwort zum besten. Das letzte, was ich nach dem  Betreten des Hauses noch hörte, war: ‚Nach Palästina! Freifahrtschein!‘ Nun, dieser Rat war gar nicht schlecht.“10

„An Görlitz habe ich, wie kann es anders sein, etwas gemischte Erinnerungen und Assoziationen".

Mira hätte ohne größere Belastungen während ihres Berlin - Aufenthaltes 1957/58 ihre Heimatstadt noch einmal besuchen können - sie hat es nicht getan. Erst im September 1992, im Anschluss an eine Autorenlesung in Dresden im Rahmen der Informations- und Aufklärungskampagne „Keine Gewalt gegen Kinder“, hat sie Görlitz noch einmal besucht.

Vier Monate vorher hatte ich - von niemandem beauftragt - bei ihr angefragt: „Wenn die Stadtverordnetenversammlung Görlitz beschlösse, sie zur Ehrenbürgerin der Stadt zu ernennen, würden sie eine solche Auszeichnung annehmen?"

„Ach, ich weiß nicht" schrieb sie mir. „Der Widerstand ist - auf Anhieb - nicht grade gering. Wie echt er wirklich ist, lote ich nicht aus. Als ich hier in Wien so eine goldene Ehrenbürger- Nadel verliehen bekam mit allem Drumrum war ich weit entfernt von allem Genießenkönnen und dachte die ganze Zeit darüber nach, wieviel Pose wohl hinter meiner Haltung stecken mag und ob das nicht eine perverse Form von Arroganz ist, dieses mausgraue Getue, das vielleicht ganz fälschlich als ‚Bescheidenheit’ gilt... In Görlitz, (bzw. Deutschland) kommt noch dazu, dass mich dieses Wiedergutmachung - Syndrom (mehr als nur) bedrückt. Dieses hilflose Entsetze, der Holocaust, unscharf, eine tiefschwarze Leere, hat mich im Dauergriff und macht mich misstrauisch, die ich doch eigentlich naiv und eher vertrauensselig bin. ... Oh, was für ein Brief, lieber W.W., was für Geständnisse. Trotzdem nicht unrichtig und unwichtig, das mal auszusprechen, bzw. zu versuchen, es auszusprechen.“

Und sie beschließt ihren Brief, in einer für Mira Lobe ganz charakteristischen Weise, mit einer in Klammern gesetzten Frage: „Wäre es denn für sie, in ihrer Position im Kulturamt, meine ich, irgendwie wichtig, wenn ich ja sagte?"

Gedenktafel in Görlitz

1 Martin Buber: Das Ende der deutsch-jüdischen Symbiose. (Januar 1939): In: Martin Buber: Politische Schriften. Zweitausendeins Leipzig 2010, S. 736.
3 Paul Mühsam: Erinnerungen, Betrachtungen, Gestalten. Jerusalem 1959. Als Manuskript vervielfältigt.
4 Fred Wander: Der siebente Brunnen. Berlin 1976. S.87.
5 Ricarda Huch: Im alten Reich. Lebensbilder deutscher Städte. Bremen 1960. S. 323 f.
6 Nikolai Berdjajew: Jakob Böhmes Lehre von Ungrund und Freiheit. In: Blätter für deutsche Philosophie 6. Berlin 1932, S. 319
7 Arno Schmidt: Der Waldbrand, oder vom Grinsen des Weisen. In: Arno Schmidt: Vom Grinsen des Weisen. Ausgewählte Funkessays. Leipzig/Weimar 1982. S. 235
8 Mira Lobe: Selbstzeugnis. In jugendschriftsteller deutscher Sprache. Wien 1980. S. 106
9 Hans Keilson: Überwindung des Nationalsozialismus ... In: Hans Keilson: Gedichte und Essays. (Bd.2) Frankfurt a. M. 2005, S. 411
10 Paul Mühsam: Mein Weg zu mir. Aus Tagebüchern. Konstanz 1978, S. 165; Paul Mühsam: Ich bin ein Mensch gewesen.

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